Systemisches Coaching für Führungskräfte

gepostet am 29. März 2016
aktualisiert am 14. Juli 2026

Schon öfters wurde der Themenwunsch „Systemisches Coaching für Führungskräfte“ oder „Die Führungskraft als Coach“ in Führungskreisen an mich herangetragen. Inzwischen weigere ich mich, das Thema in dieser Form anzubieten, weil ich es für ein großes Missverständnis halte. Doch zunächst zurück an den Start, um meine Weigerung zu begründen.

Inhalt

Was ist Coaching?

Der Begriff „Coach“ boomt und wird inflationär gebraucht. Jeder und alles scheint Coach zu sein oder sich dazu ausbilden lassen zu wollen. Nicht umsonst spuckt Google mit Stand 01. Mai 2020 auf den ersten Drücker 1,46 Mrd. Suchergebnisse aus. Die Suchergebnisse haben sich in den letzten drei Jahren sogar verdoppelt. Liegt es daran, dass der Begriff Coach rechtlich nicht geschützt ist?

Dem Schweizer Branchenverband BSO zufolge hat Coaching seine Wurzeln im Sport und zielt auf das Verhalten von Einzelpersonen ab: „Mit Coaching bezeichnen wir Ansätze, die die Berufsrolle, die Funktion, Leistung und (Problem)-lösung im System in den Vordergrund stellen und sich an exponierte Personen und Entscheidungsträger/-innen wenden.“

Altmeister Wolfgang Looss fasst sich kürzer: „Coaching ist – verkürzt formuliert – personenbezogene Einzelberatung von Menschen in der Arbeitswelt.“

Was ist Coaching? Quelle: Fritz Führungskreise nach Wolfgang Looss.
Was ist Coaching? Quelle: Fritz Führungskreise nach Wolfgang Looss.

Marietheres Mimberg rät zudem davon ab den Coach als Hebamme misszuverstehen. In Training aktuell bringt sie es auf den Punkt: „Nicht alle Antworten liegen im Klienten. Manchmal gibt es keine Lösungen. Manchmal braucht es einen Fachmann, deutliche Stellungnahme und Meinung!“

Was ist systemisches Coaching?

Das Coaching-Konzept wird seit Mitte der 1980er-Jahre diskutiert und immer wieder versuchen Anbieter ihre Spielart von Coaching exklusiv für sich zu vermarkten. So ist es auch mit dem Begriff „systemisches Coaching“. Ferrari folgend ist systemisch nicht einmal definierbar, sondern nur die Steigerungsform systemischer. Systemischer bedeutet immer mehr darauf zu achten, was betrachtet wird, welche Zusammenhänge gebildet werden und in welchem Kontext.

Was ist systemisches Coaching? Quelle: Fritz Führungskreise nach Fritz B. Simon.
Was ist systemisches Coaching? Quelle: Fritz Führungskreise nach Fritz B. Simon.

Systemisches Coaching bedeutet – verkürzt formuliert – personenbezogene Einzelberatung von Menschen in der Arbeitswelt, mit besonderem Fokus auf den Kontext des Coachee. Systemisches Coaching schaut nicht nur auf den Einzelnen, sondern versucht das ganze System und seine Wechselwirkungen im Blick zu behalten. Dies gelingt insbesondere durch eine besondere Art von Fragen, genannt systemische Fragen.

„Ich bin seit Jahren im Führungskreis Produktion von Patrick. Was mich immer wieder veranlasst diese Veranstaltungen nicht zu versäumen sind, die top aktuellen Themen mit denen wir täglich im Arbeitsalltag konfrontiert werden. Die optimal zum Thema ausgewählten hoch qualifizierten Dozenten für wertvolle Impulse und Ideen zur Lösung und Umsetzung. Der wertvolle Austausch mit den Kollegen aus dem Führungskreis, sich über alle Themen und Probleme auszutauschen. “

Richard Hertl
Betriebsleitung Füssen
Otto Bihler Maschinenfabrik GmbH & Co. KG

Was sind systemische Fragen?

Systemische Fragen zielen darauf ab, den Gesprächspartner unterschiedliche Perspektiven einnehmen zu lassen und mögliche Lösungswege selbst zu erkennen:

Gibt es eine klare Antwort auf die Frage oder das Problem des Coachee braucht es einen Experten, um einen Ratschlag zu erteilen. Gibt es keinen Experten oder gibt das Problem keine eindeutige Antwort her (siehe Fritz Tipp CYNEFIN Framework), muss zuerst neuer Rat geschafften werden. Hierzu dient systemisches Coaching bzw. systemische Fragen als Mittel zum Zweck. Mehr dazu im Fritz Tipp Systemische Fragen als Führungsinstrument.

Systemische Fragen. Quelle: Fritz Führungskreise.
Systemische Fragen. Quelle: Fritz Führungskreise.

Was ist eine Führungskraft?

Nach Lutz von Rosenstiel wird die Frage was ist Führung wie folgt beantwortet: „Führung ist die unmittelbare, absichtliche und zielbezogene Einflussnahme durch InhaberInnen von Vorgesetztenpositionen auf Unterstellte mit Hilfe der Kommunikationsmittel.“

Führung ist also die bewusste Verhaltensbeeinflussung anderer Personen, um definierte Ziele zu erreichen. Führungskräfte sind also dazu da, das Verhalten anderer Personen (=Mitarbeiter) zu beeinflussen, um definierte Unternehmensziele zu erreichen.

Führungskräfte sind also in erster Linie dem Unternehmen bzw. den Unternehmenszielen und damit dem Kunden verpflichtet. Schließlich soll ihre Funktion dazu beitragen, das System Unternehmung überlebensfähig zu halten.

Spätestens an dieser Stelle müssen die Alarmglocken klingeln. Scharf formuliert, müssen Führungskräfte Mitarbeiter instrumentalisieren, um interne wie externe Kundenbedürfnisse zu erfüllen. Das sind nicht die besten Voraussetzungen, um Mitarbeiter zu coachen!

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Führungskraft als Coach?

Der entscheidende Unterschied zwischen Führungskraft und Coach besteht darin, dass der Coach nicht Teil des Systems Unternehmung ist. Er ist in erster Linie dem Klienten und wenn überhaupt erst in zweiter Linie den Unternehmenszielen verpflichtet. Nach dem Motto „Mach den Mitarbeiter A wieder ganz, damit wir das Ziel B erreichen können“.

Vor diesem Hintergrund verwundert das von Looss postulierte Arbeitsprinzip im Coaching wenig: „Das Unternehmen verzichtet völlig und eindeutig auf jedweden Einfluss hinsichtlich der Frage, was in der Beratung besprochen wird und was dabei an Ergebnissen herauskommen darf.“

Eine Führungskraft ist kein externer Coach, genauso wie ein Coach keine interne Führungskraft ist. Hier gilt es für mich, Rollenklarheit zu wahren. Arbeite ich am System oder bin ich Teil des Systems? Als Mitarbeiter würde ich es sogar ein wenig untergriffig halten, wenn mich meine Führungskraft coachen will. Habe ich ihm überhaupt einen Auftrag dafür gegeben?

Systemisches Coaching für Führungskräfte. Quelle: Fritz Führungskreise.
Systemisches Coaching für Führungskräfte. Quelle: Fritz Führungskreise.

Soll ich mich als Mitarbeiter von meiner Führungskraft coachen lassen?

Wenn wir die Sache einmal umdrehen und die Fragen aus Sicht des Mitarbeiters stellen, sprechen folgende Argumente GEGEN ein systemisches Coaching durch die Führungskraft:

Vor diesem Hintergrund kann folgende Checkliste dabei helfen, um als Mitarbeiter zu klären, ob man sich von seiner Führungskraft coachen lassen soll:

Systemisches Coaching als Führungsinstrument

Wenn die Checkliste keine Probleme aufzeigt, insbesondere die Rollenklarheit gegeben ist, spricht nichts dagegen, systemische Coaching als Führungsinstrument einzusetzen. Der gezielte Einsatz von Fragetechnik verfolgt in diesem Fall aber andere Ziele:

Doch auch hier ein Wort der WARNUNG! Die Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter muss die Art der Be-Fragung tragen können. Im schlimmsten Fall vermutet der Mitarbeiter hinter künstlichen Fragen, nur eine Art ihm zu sagen was er tun soll. Anders gesagt, wenn ich weiß, wo ich hinwill, muss ich nicht fragen!

Altmeister Looss formuliert es wie folgt: „Je mehr aber die Person in den Blick genommen wird, umso anspruchsvoller wird die Tätigkeit der Beziehungsgestaltung und umso sensibler wird die Leistungserbringung des Individuums abhängig von der Frage, wie es ihm mit der Führungskraft emotional geht.“

Fazit – Systemisches Coaching für Führungskräfte

Die Führungskraft als Coach ist ein großes Rollen-Missverständnis. Die Führungskraft muss im Sinne des Unternehmens und damit des Kunden handeln. Der Coach im Sinne des Klienten. Wenn diese Rollenklarheit gegeben ist, spricht nichts dagegen, systemisches Coaching als Führungsinstrument einzusetzen.

Dr. Patrick Fritz

Dr. Patrick Fritz

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