Systemische Fragen als Führungsinstrument

Dr. Marianne Grobner rät Führungskräften in einem Standard-Gastkommentar, systemische Fragen zu stellen statt zu kommandieren. Im Gegensatz zu “Führen durch Sagen” soll dadurch eine Vertrauens- und Zutrauenskultur aufgebaut werden.

Systemische Fragen sind ein äußerst wirkungsvolles Führungsinstrument. Doch welche Fragen soll die gewillte Führungskraft dem Mitarbeiter stellen? Schließlich soll die Sache doch nicht aufgesetzt sein und noch schlimmer, ohne Wirkung bleiben.

Bei der Vorbereitung und Durchführung von Führungskreisen dienen mir systemische Fragen, um Probleme besser beschreiben zu können. Der Gesprächspartner kann dabei unterschiedliche Perspektiven einnehmen und mögliche Lösungswege erkennen.

Systemische Fragen nach Tiefe

Zur Strukturierung meiner Interviews verwende ich die Stufenleiter nach Fischer-Epe. Vereinfacht gesagt geht es darum, dem Problem immer näher zu kommen. Von der abstrakten Beschreibung des Problems, bis hin zu meinen eigenen Gefühlen.

Stufe 1 – Abstrakt – Ich-fern

  • Worum geht es ganz allgemein?

Stufe 2 – Konkret – Ich-fern – Blick nach außen

  • Wer ist in welcher Rolle beteiligt (Chef, Kollegen, Mitarbeiter)?
  • Wer macht in welcher Rolle was?
  • Wenn ich X befragen würde, wie würde er die Situation beschreiben?
  • Welche Verhaltensweisen sind für dich besonders auffällig?
  • Welche Faktoren spielen bei der Problemstellung eine besondere Rolle?
  • Wie hat sich das Problem bisher ausgewirkt?
  • Was würde geschehen, wenn das Problem nicht gelöst werden kann?

Stufe 3 – Konkret – Per Ich – Blick nach Innen

  • Wie hast du auf das Problem bisher reagiert – äußerlich und innerlich?
  • Welche Hypothesen oder Annahmen hast du zum Problem?
  • Was hast du bisher unternommen, um das Problem zu lösen?
  • Welche Maßnahmen waren erfolgreich, welche weniger?
  • Was müsstest du tun, um das Problem zu verschlimmern?
  • Welche ähnlichen Herausforderungen hast du in der Vergangenheit bereits bewältigt? Und wie?
  • Was würdest du tun, wenn du ganz allein eine Entscheidung herbeiführen könnten?
  • Was hast du als Fallgeber bisher zum Problem beigetragen?
  • Wenn über Nacht ein Wunder geschehen würde, wie wäre sie Situation dann?
  • Angenommen, das Problem ist gelöst und du schaust zurück, was hast du als Erstes getan?
  • Auf eine Skala von 1-10, wie würdest du dein Problem einordnen? (1=nicht relevant; 10=kritisch)
  • Wenn wir das Problem lösen, um wie viele Punkte würde es dir dann besser/schlechter gehen?

Optional Stufe 4 – Gefühle im “Hier und Jetzt”

  • In welche Stimmung gerätst du, wenn du darüber sprichst?
  • Wie fühlt sich das innerlich an, so zu sprechen?
  • Du wirkst auf mich geladen und zornig, während du darüber sprichst – stimmt das?
  • Ich an deiner Stelle wäre verbittert und erleichtert zugleich! Wie geht es dir damit?

Systemische Fragen nach Zeit

Eine alternative Möglichkeit das Interview zu strukturieren besteht darin, die Fragen auf dem Zeitstrahl zu sortieren. Die Fragen bleiben mehr oder weniger dieselben, die Reihenfolge ändert sich jedoch. Je nach Kontext des Interviews kann es Sinn machen nach Tiefe oder Zeit vorzugehen.

Vergangenheit

  • Wie ist es zum Problem gekommen?
  • Wie hat sich das Problem bisher ausgewirkt?
  • Was hast du bisher unternommen, um das Problem zu lösen?

Aktuell

  • Wer ist in welcher Rolle beteiligt (Chef, Kollegen, Mitarbeiter)?
  • Wenn ich X befragen würde, wie würde er die Situation beschreiben?
  • Was lässt das momentane Klima im Unternehmen überhaupt zu?

Zukunft

  • Was soll in Zukunft erreich werden?
  • Wozu soll es erreicht werden?
  • Was machst du, wenn das Vorhaben nicht zum Erfolg führt?

System

  • Wer ist an einer Lösung interessiert?
  • Wer hat welchen Nutzen/Schaden?
  • Was sollte ich noch wissen?

Fazit – Systemische Fragen

“Wer fragt der führt” ist ein geläufiger Spruch – warum ist dem so? Systemische Fragen haben den Charakter von Interventionen. Sie lösen Suchprozesse aus und stellen Wirklichkeitskonstruktionen in Frage. Ist es wirklich so, wie ich bisher darüber gedacht habe?

In diesem Sinne möchte ich interessierten Führungskräften mit angeführten systemischen Fragen ein Führungsinstrument an die Hand geben, um “Führen durch Fragen” zu ermöglichen. Ich bitte euch per Kommentar, eure beliebtesten Fragen zu ergänzen.

Dr. Patrick Fritz

Dr. Patrick Fritz

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2 Kommentare zu “Systemische Fragen als Führungsinstrument
  1. Marcel sagt:

    Hallo Herr Fritz,

    eine schöne Aufstellung mit praktischen Fragen für die Praxis im Alltag.
    In diesem Artikel finden Sie einige weitere Beispiele zu den verschiedenen systemischen Fragetechniken.
    Ich denke er könnte interessant für Sie und Ihre Leser sein:

    https://clevermemo.com/blog/systemische-fragen/

    Viele Grüße und angenehme Feiertage

    • Patrick Fritz sagt:

      Hallo Marcel,

      vielen lieben Dank für deine Ergänzung. Besonders gut gefällt mir aus deiner Sammlung:

      1. Wie würde Ihr Kollege diese Situation einschätzen?
      2. Was würden Sie tun, wenn Sie ganz allein eine Entscheidung herbeiführen könnten?
      3. Wodurch könnten Sie das Projekt endgültig zum scheitern bringen?
      4. Welche ähnlichen Herausforderung haben Sie in der Vergangenheit bereits bewältigt? Und wie?

      Der Blick auf deine Seite hats ich für mich gelohnt!

      Beste Grüße
      Patrick

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