Jorge Cendales über Neurowissenschaften: Wie dein Gehirn wirklich lernt
Wie lernt dein Gehirn wirklich? Jorge Cendales zeigt, dass Lernen nicht nur über Denken, Sprache und Wiederholung funktioniert. Entscheidend ist, was dein Gehirn als neu, relevant und emotional bedeutsam erkennt und oft genug wiederholt, damit daraus stabile neuronale Verbindungen entstehen. In diesem Fritz Tipp erhältst du eine verständliche Einführung in die Neurowissenschaften: Du erfährst, wie Bewusstsein und Unbewusstes zusammenspielen, wie Gedächtnis entsteht, warum Motivation an Bedürfnisse gekoppelt ist und weshalb dein Gehirn bis zum letzten Tag lernfähig bleibt.
Inhalt
Was sind Neurowissenschaften?
Neurowissenschaften Definition
Die Neurowissenschaften sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das sich mit dem Aufbau und der Funktion des Nervensystems beschäftigt. Begriffe wie Neurobiologie, Hirnforschung oder Gehirnforschung werden häufig synonym verwendet.
Quelle: Persönliche Mitschrift beim Führungskreis Produktion im März 2024.
Die Anwendungsbereiche neurowissenschaftlicher Erkenntnisse sind vielfältig und reichen von der Behandlung neurologischer Erkrankungen bis hin zu Anwendungen in Marketing (Neuromarketing), Bildung (Gehirngerechtes Lernen) und Führung. Für Führung und Zusammenarbeit ist vor allem eine Frage spannend: Was hilft Menschen, neue Muster aufzubauen und was hält sie in alten Reaktionen fest?
Unsere Reise durch die Neurowissenschaften beginnt im Gehirn – dem zentralen Steuerorgan unseres Nervensystems. Was ist dir bewusst? Was ist vorbewusst und was bleibt im Unbewussten verborgen?
Wie funktioniert das Gehirn?
Die Funktionsweise des Gehirns als zentrales Nervensystem lässt sich laut Cendales am einfachsten anhand des Eisbergmodells erklären:
- 20% sind bewusst über Sprache und Schrift zugänglich. Auch deklaratives Gedächtnis genannt.
- 80% sind unbewusst über den Körper und Bilder zugänglich. Auch limbisches Gedächtnis genannt.
Eine Leitung führt vom Kopf in den Bauch. Vier Leitungen gehen den umgekehrten Weg. Durch diese Verbindungen reagiert dein Körper auf deine Gedanken. Und deine Gedanken reagieren auf deinen Körper. Versuch dich mal schlecht zu fühlen, während du lächelst ;-)

Besonders wichtig ist der unbewusste Teil des Gehirns. Er reagiert schneller als unser bewusster Verstand und prägt deshalb oft zuerst, wie wir eine Situation bewerten. Lediglich 10^3 von 10^11 wahrgenommenen Bit/s werden in deinem Bewusstsein verarbeitet. 10^11 Bit/s sind 12,5 GB/s – nicht schlecht!
Mit dieser wahnsinnigen Bandbreite steuert das Unbewusste deine Körperfunktionen. Oder musst du daran denken zu atmen? Dein Gehirn ist daher nicht primär zum Denken gebaut worden. Es ist das zentrale Nervensystem und stellt sicher, dass der Körper überlebt.
Die Führungskräfte haben im Workshop mit Jorge viele Fragen dazu gestellt, wie das Gehirn funktioniert. Unter anderem beschäftigten sie folgende Fragen:
- Wie unterschiedlich sind die Aktivitätszyklen des Gehirns von Person zu Person?
- Was führt neben Schlafmangel und anhaltend vielen Eindrücken zum „Matschhirn“?
- Wie schaffe ich es, meinen Fokus zu verbessern?
- Was muss ich meinem Gehirn als mentales Immunsystem geben, damit ich meine Resilienz erhöhe?
- Was sind die Auswirkungen sozialer Medien auf unser Gehirn? Was hat es mit der sogenannten Dopamin-Sucht („Likes“) auf sich?
- Wie gefährlich ist Cortisol wirklich fürs Gehirn?
- Was ist Bewusstsein?
Die erste neurowissenschaftliche Kernbotschaft von Cendales lautet: Der Körper reagiert auf Gedanken. Stärkende Gedanken stärken den Körper. Defizitäre Gedanken schwächen den Körper. Achte darauf, wie du über dich denkst!

„Am Führungskreis Produktion schätze ich vor allem, dass wir in kleiner Runde auch heikle Themen aus unserem geschäftlichen Alltag sehr offen, ungezwungen und äusserst praxisbezogen diskutieren können. Sehr interessant sind für mich jeweils die Betriebsrundgänge, wo ich immer wieder neue Eindrücke, Impulse und Verbesserungspotenziale für die eigene Firma gewinne. “
Wie lernt das Gehirn?
Lernen bedeutet nicht nur, Informationen aufzunehmen. Lernen bedeutet, dass im Gehirn neue synaptische Verbindungen entstehen oder bestehende Verbindungen stärker werden.
Deshalb reicht einmaliges Verstehen selten aus. Entscheidend sind Wiederholung, emotionale Bedeutung und Anwendung. Wenn es um die Lernfähigkeit unseres Gehirns geht, kommen prompt viele Fragen, die uns beschäftigen:
- Wie funktioniert der Übergang vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis?
- Warum ist bei den einen das Namensgedächtnis besser und bei den anderen das Bildgedächtnis?
- Nimmt die Lernleistung im Laufe des Lebens ab?
- Wie löse ich mich und andere von langjährigen Denkmustern, Prozessen und Tools?
Wie kann dein Gehirn nun lernen, gut über dich zu denken? Gehirne leben im Hier und Jetzt. Im Ultrakurzzeit-Gedächtnis bleibt nur haften, was neu und relevant ist. Precht formuliert es wie folgt: „Alles, was wir erleben und aufnehmen, sortieren wir in Windeseile nach der Frage, ob es für uns relevant ist. Und das ist vor allem das, was neu oder wichtig ist oder am besten beides.“
Die nächste Stufe, das Kurzzeit-Gedächtnis, umfasst die letzten 4 Minuten. Ins Intermediäre-Gedächtnis kommt nur, was mit starken Emotionen verbunden ist. Durch Wiederholung kommen Erlebnisse ins Langzeit-Gedächtnis. Es braucht 47 Tage, bis neues Verhalten zur Gewohnheit wird.
Schlaf spielt dabei eine zentrale Rolle. Was kurz vor dem Einschlafen emotional präsent ist, bekommt besonderes Gewicht. Deshalb ist die Frage nicht banal: Mit welchen Gedanken gehst du schlafen?

Ein unterschätzter Faktor ist die bloße Präsenz des Smartphones. Schon wenn es sichtbar oder griffbereit liegt, bindet es Aufmerksamkeit. Für konzentriertes Lernen und klares Denken gilt deshalb eine einfache Regel: Das Smartphone gehört nicht auf den Schreibtisch, sondern außer Reichweite.
Die Gedächtnis-Expertin Turecek ergänzt, die Wiederholungen müssen von Mal zu Mal schwieriger werden. Das kann durch Spacing erreicht werden, d.h. die Abstände zwischen den Wiederholungen werden größer. Ebenso muss das Wiederholte variiert werden.
Im Hinblick auf die Neurowissenschaften lautet die zweite Kernbotschaft wie folgt: Botschaften müssen neu und relevant sein, sonst werden sie weggefiltert. Selbst bei emotionalen Botschaften braucht es Wiederholung und Variation. Dein Gehirn lernt am besten, wenn schon bekannte Inhalte mit Neuem integriert werden.
Wie entwickelt sich Persönlichkeit?
Auch wenn Lernprozesse bei allen Menschen ähnlich ablaufen, sind nicht alle Menschen gleich. Das wird mit dem 4-Ebenen-Modell der Persönlichkeit von Roth und Cierpka offensichtlich:
- Unterste limbische Ebene: Hier befinden sich angeborene Reaktionsmuster und Urängste. Dein Temperament ist mehr oder minder vorgeburtlich gegeben und wird durch die sechs neurobiologischen Grundsysteme bestimmt.
- Mittlere limbische Ebene: Bis zum 3. Lebensjahr geschieht deine emotionale Konditionierung durch Familie und Umwelt. Unbewusste Verhaltenssteuerung gelingt über konditionierte Angst sowie Belohnungs- und Motivationssystem.
- Obere limbische Ebene: Bis zum 14. Lebensjahr entwickelst du das individuelle-soziale ICH. Dabei helfen eigene emotionale Erfahrungen und Werte. Mit 14 Jahren bist du im Grundcharakter fertig.
- Großhirnrinde: Du entwickelst bis zum 21. Lebensjahr und lebenslänglich das kognitiv-kommunikative ICH. Hier sitzt das Arbeitsgedächtnis (Intelligenz und Verstand) und das rationale ICH.
Die 6 psychoneuralen Grundsysteme bestimmen maßgeblich dein Temperament, die unterste Ebene des oben dargestellten Persönlichkeitsmodells. Man könnte auch von Werkseinstellungen sprechen, die wie folgt aussehen:
- Stress-System: Adrenogerne und Cortisoide.
- Beruhigungs-System: Serotonerge.
- Bewertungs- und Belohnungs-System: Dopaminerge und endogene Opioide.
- Impulskontrolle: B-Aufschub Serotonerge / Dopaminerge.
- Bindung und Empathie: Oxytocin.
- Realitätssinn und Risikowahrnehmung: Acetylcholin.
Insbesondere das Stressverarbeitungs- und Beruhigungssystem wird bereits durch die Mutter bzw. die Schwangerschaft stark beeinflusst. Durch diese Erfahrungen ist dein Gehirn bereits seit frühester Kindheit konditioniert.
Das heißt: Wir reagieren nicht nur auf die objektive Situation, sondern auf die Bedeutung, die unser Gehirn ihr aufgrund früherer Erfahrungen gibt. Genau deshalb erleben zwei Menschen dieselbe Situation oft völlig unterschiedlich.
Beim Zusammenhang von Gehirn- und Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt Führungskräfte vor allem, wie der Mensch so „tickt“:
- Verändert sich die Jugend oder sind die Erwartungen von uns „Alten“ einfach zu hoch?
- Warum sind die einen eher Einzelkämpfer und die anderen mehr Teamplayer?
- Wie kann der Teamgedanke bei introvertierten Menschen gesteigert werden?
- Braucht es dasselbe Mindset für ein erfolgreiches Team?
Im Hinblick auf die Neurowissenschaften ist auch die dritte Botschaft vollkommen klar: Das Gehirn ist durch frühkindliche Erfahrungen konditioniert. Diese prägen dein Verhalten. Allerdings können deine Konditionierungen durch Bewusstwerdungs-Prozesse geändert werden.
Der Einstieg beginnt mit einem persönlichen Gespräch
Was motiviert uns Menschen?
Die Fragen der Führungskräfte lauteten hierzu:
- Wieso brauche ich Druck, um effizient zu arbeiten?
- Wie kann ich mein Gehirn „überlisten“ und Angst in positive Aufregung verwandeln?
- Wie wirken Lob & Tadel auf mein Gehirn?
Basierend auf den 6 neurobiologischen Grundsystemen lassen sich 9 psychologische Grundbedürfnisse des Menschen ableiten. Ein Bedürfnis ist ein mit dem Erleben von Mangel verbundener Spannungszustand, der über das Streben nach Beseitigung des Mangels zu Entspannung führt:
- Bindung: Geborgenheit und sozialer Kontakt
- Eigenständigkeit und Autonomie
- Anerkennung und Bestätigung
- Einfluss und Kontrolle über andere
- Vorwärtskommen
- Sicherheit
- Status/ Macht/ Größe
- Selbstbestätigung (Vertrauen)
- Selbstverwirklichung

Mit den Worten von Häusel streben Menschen nach der Erfüllung ihrer Emotionssysteme (psychologischen Grundbedürfnisse). Wenn du von außen einen Anreiz bekommst, der auf deine Emotionssysteme einzahlt, wirst du motiviert sein im Sinne des Anreizes zu handeln.
Deine Motivation wird durch die Befriedigung deiner Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit maximiert. Eine Unternehmenskultur, die diese Elemente betont, fördert Engagement und Leistung.
Im Hinblick auf die Neurowissenschaften ist auch die vierte Botschaft vollkommen klar: Wenn die psychologischen Grundbedürfnisse von Menschen angesprochen werden, erhöht sich die Erfolgswahrscheinlichkeit gelingender Motivation ungemein. Bei der Befriedigung ihrer Bedürfnisse sind Menschen nämlich intrinsisch motiviert.
Fazit – Neurowissenschaften
Bei all den wichtigen Einsichten, die die Neurowissenschaften liefern, darfst du eines nicht vergessen. Neuroplastizität ist die wichtigste Erkenntnis der Neurowissenschaft der letzten 20 Jahre. Dies ist die Fähigkeit des Gehirns, sich an Veränderungen anzupassen und neue Verbindungen zwischen Neuronen zu bilden. Du entwickelst dich bis zum letzten Tag. Lebenslanges Lernen ist die Grundeigenschaft des Gehirns.
Die praktische Konsequenz ist einfach: Du bist nicht auf deine alten Muster festgelegt. Aber Veränderung braucht mehr als Einsicht. Sie braucht Aufmerksamkeit, Wiederholung, emotionale Bedeutung, Schlaf – und ein Umfeld, das neues Verhalten ermöglicht.

Dr. Patrick Fritz