Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg

gepostet am 18. April 2024
aktualisiert am 20. Juni 2024

Sowohl privat als auch beruflich bin ich schon öfters über die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg gestolpert. Oft genug, um endlich das Standardwerk von Rosenberg zu lesen und einen wahren Schatz zu heben. In diesem Fritz Tipp stelle ich dir das Herzstück der GfK vor und zeige dir wie du Verantwortung für deine Gefühle übernimmst.

Inhalt

Was ist gewaltfreie Kommunikation?

Gewaltfreie Kommunikation Definition

Gewaltfreie Kommunikation (GfK) ist ein Prozess der Kommunikation, der aus vier Komponenten besteht: 1. Beobachtung, 2. Gefühle, 3. Bedürfnisse und 4. Bitten. Die GfK hilft dir dein Einfühlungsvermögen beim Sprechen und Zuhören zu entfalten.

Quelle: Marshall Rosenberg – Gewaltfreie Kommunikation

Rosenberg liefert mit folgender Mutter-Sohn-Beziehung ein wunderbares GfK Beispiel: Felix, wenn ich in unseren gemeinsamen Räumen zwei zusammengerollte Socken unter dem Kaffeetisch sehe und noch drei neben dem Fernseher (Beobachtung), dann bin ich irritiert (Gefühl), weil mir Ordnung wichtig ist (Bedürfnis). Würdest du bitte deine Socken in dein Zimmer oder in die Waschmaschine tun (Bitte)?

Bei der gewaltfreien Kommunikation geht es aber nicht nur darum, die vier Bestandteile ganz klar auszudrücken. Sondern auch die gleichen vier Informationsteile von unseren Mitmenschen aufzunehmen. Daraus entwickelt sich ein stetiger Fluss aus: Was ich beobachte, fühle, brauche und was du beobachtest, fühlst, brauchst – um unser beider Leben zu verbessern.

Nach Rosenberg sind die meisten von uns mit einer Sprache aufgewachsen, die andere verurteilt und in Schubladen steckt. Dies geht vermeintlich auf Herrschaftsgesellschaften zurück, in denen die Masse der Bevölkerung kontrolliert und beherrscht werden sollte. Wenn du hingegen in Kontakt mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen bist, eignest du dich nicht als Sklave.

Der GfK-Prozess nach Rosenberg

Schritte der gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg. Quelle: Fritz Führungskreise nach Rosenberg.
Schritte der gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg. Quelle: Fritz Führungskreise nach Rosenberg.

Beobachtung

Der erste Prozessschritt der gewaltfreien Kommunikation erfordert von dir die klare Trennung von Beobachtung und Bewertung. Bei einer Vermischung kann dein Gegenüber leicht Kritik hören und in den Abwehrmodus schalten.

Bobachtung vermischt mit BewertungBeobachtung getrennt von Bewertung
Du bist großzügig.Wenn ich sehe, dass du all dein Essensgeld weggibst, finde ich, dass du großzügig bist.
Toni schiebt die Dinge vor sich her.Toni lernt für seine Prüfungen erst am Abend davor.
Du schaffst deine Arbeit bestimmt nicht.Ich glaube nicht, dass du deine Arbeit schaffst.
Trennung von Beobachtung und Bewertung bei der gewaltfreien Kommunikation.

Gefühle

Du sprichst vermutlich oft das Wort fühlen aus, ohne damit ein konkretes Gefühl auszudrücken. Gefühle müssen von Gedanken unterschieden werden und klar benannt werden: „Ich habe das Gefühl, dass mir kein faires Angebot gemacht würde“, sollte ersetzt werden durch, „Ich denke, dass mir kein faires Angebot gemacht wurde.“

Beispiele für positive wie negative Gefühlen bei der GfK können sein: angeregt, berührt, erfüllt, fasziniert, gerührt,  hellwach, motiviert, zufrieden oder ängstlich, besorgt, erstarrt, frustriert, gelähmt, hilflos, irritiert, schüchtern, zornig.

Bedürfnisse

Hinter deinen Gefühlen stehen Bedürfnisse. Was andere sagen oder tun, kann ein Auslöser für deine Gefühle sein, aber niemals deren Ursache. Urteile, Kritik und Interpretationen sind entfremdete Äußerungen deiner eigenen Bedürfnisse.

Die Bedürfnispyramide nach Maslow ist ein wahrer Fundus für konkrete Beispiele. Rosenberg ergänzt Maslow um Autonomie, Feiern, Integrität, Interdependenz (soziale Bedürfnisse), nähren der physischen Existenz (physiologische Bedürfnisse), Spiel und spirituelle Verbundenheit.

Bitten

Beim Bitten geht es darum klar und eindeutig auszudrücken, was du willst. Wichtig, Bitten sollen keine getarnten Forderungen sein. Das Ziel ist eine Beziehung aufzubauen, die auf Offenheit und Mitgefühl basiert. Du drückst das aus, was du willst, statt dem, was du nicht willst!

Aufrichtiges Bitten ist besonders schwierig für Eltern, Lehrer und Führungskräfte, deren Aufgabe das Beeinflussen von Verhalten ist. „Würdest du bitte deine Socken in dein Zimmer oder in die Waschmaschine tun?“ hört sich ganz anders an als „Mach sofort dein Zimmer sauber.“

Josef Wild

„Am Führungskreis Produktion schätze ich vor allem, dass wir in kleiner Runde auch heikle Themen aus unserem geschäftlichen Alltag sehr offen, ungezwungen und äusserst praxisbezogen diskutieren können. Sehr interessant sind für mich jeweils die Betriebsrundgänge, wo ich immer wieder neue Eindrücke, Impulse und Verbesserungspotenziale für die eigene Firma gewinne. “

Josef Wild
Leiter Fabrikation Schweiz
Bühler AG

Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen

Was sich zunächst nach Wortklauberei anhört, ist für mich die zentrale Erkenntnis der gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg. Im Alltag schreibst du die Verantwortung für deine Gefühle gerne deinem Gegenüber zu.

Die Ursache für deine Gefühle können aber niemals bei deinem Gegenüber liegen, sondern nur bei dir selbst. Dein Gegenüber ist verantwortlich für seine Handlungen, du bist verantwortlich für die Gefühle, die dadurch bei dir entstehen.

Angenommen ein Kunde beschwert sich bei dir über die erbrachte Leistung. Du ärgerst dich schrecklich darüber und bist wütend, weil du die Reklamation als nicht gerechtfertigt ansiehst. Rosenberg unterscheidet nun vier Möglichkeiten wie du reagieren kannst:

  1. Dir die Schuld geben: Du schluckst deinen Ärger hinunter und gibst dir selbst Schuld für die Reklamation. Ja, das hätte ich besser machen müssen. Du akzeptierst das Urteil und lebst mit den Schuldgefühlen.
  2. Ihm die Schuld geben: Du lässt deinem Ärger freien Lauf und gehst zum Gegenangriff über. Lieber Kunde, du hast keine Ahnung und ich erkläre dir wie es in Wirklichkeit ist. Du bist nämlich zu blöd es zu verstehen.
  3. Deine Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen: Du lenkst die Aufmerksamkeit auf deine Gefühle. Du spürst das du dich verletzt fühlst, weil du dich um deinen Kunden ehrlich bemüht hast.
  4. Seine Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen: Du hörst auf damit dem Kunden die Schuld für deine Gefühl zu geben und versucht seine Bedürfnisse zu verstehen. Was braucht dein Kunde? Was ist deinem Kunden wichtig?

Zugegen, was Rosenberg da vorschlägt, ist die wohl höchste Klasse der Kommunikation, gerade wenn dich die Reklamation wütend macht. Aber achte selbst auf den Unterschied bei den folgenden beiden GfK-Beispielen und wie sich das für dich anfühlt. Wer übernimmt die Verantwortung für die Gefühle?

Gewaltfreie Kommunikation Beispiel

A: „Du hast mich enttäuscht, weil du gestern Abend nicht gekommen bist.“

B: “ Ich war enttäuscht, als du nicht gekommen bist, weil ich ein paar Dinge mit dir besprechen wollte, dir mir Sorge machen.“

A: „Dass Sie den Vertrag aufgelöst haben, hat mich sehr irritiert!“

B: „Als Sie den Vertrag aufgelöst haben, war ich wirklich irritiert, weil ich fand, dass das sehr unverantwortlich war.“

Quelle: Marshall Rosenberg – Gewaltfreie Kommunikation

Übung zur gewaltfreien Kommunikation

Jonathan Sprungk, der sich dafür einsetzt das Gefühle wieder einen Platz in der Führungsarbeit bekommen, hat folgende Übung entwickelt, um Gefühle tatsächlich anzusprechen. Bei der Übung „Goldene-Feedback-Regel“ geben sich zwei Gesprächspartner gegenseitig Feedback zu aktuellen Fällen und Beispielen nach folgendem Muster:

Auf diese Weise können sich die Teilnehmer gegenseitig wirkungsvolles Feedback geben. Ein praktikables Werkzeug, das du unmittelbar anwenden kannst und dich dazu zwingt, deine Gefühle anzusprechen, die bei dir entstehen.

Fazit – Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg

Zum Schluss der Clou an der Sache. Nach Rosenbergs Erfahrung, erhöhen sich die Chancen die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen dramatisch, in dem Moment, wo du beginnst über deine eigene Bedürfnisse zu sprechen. Damit übernimmst du die Verantwortung für deine Handlungen, aber nicht für die Gefühle anderer Menschen. Du kannst deine Bedürfnisse nicht auf Kosten anderer erfüllen.

Dr. Patrick Fritz

Dr. Patrick Fritz

gewaltfreie kommunikation gewaltfreie kommunikation nach rosenberg gfk gfk nach rosenberg marshall b. rosenberg marshall rosenberg rosenberg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Auf der Suche nach frischen Ideen für Ihre Führungsarbeit? Mit unserem Newsletter bekommen Sie einen Tipp pro Monat. Wohl dosiert, verständlich und übersichtlich.