Kollegiale Beratung – Die Geheimwaffe gegen blinde Flecken
Kollegiale Beratung ist die Geheimwaffe, um blinde Flecken in deiner Führungsarbeit aufzudecken und Herausforderungen systematisch zu lösen. In diesem Fritz Tipp erfährst du, wie kollegiale Fallberatung funktioniert und welche Vorteile sie dir als Führungskraft bietet. Durch den Austausch mit Führungskräften auf gleicher Ebene gewinnst du neue Perspektiven und smarte Lösungen für deine beruflichen Herausforderungen.
Inhalt
Was ist kollegiale Beratung?
Kollegiale Beratung: Definition
Kollegiale Beratung ist ein strukturiertes Beratungsverfahren, bei dem sich Führungskräfte gegenseitig unterstützen, um Lösungen für berufliche Herausforderungen zu entwickeln. Dabei übernimmt eine Gruppe von Führungskräften auf gleicher Ebene die Rolle eines Beraters und gibt dem Fallgeber wertvolle Rückmeldungen und Lösungsimpulse.
Quelle: Fritz Führungskreise 2025.
Die kollegiale Beratung, auch kollegiale Fallberatung oder Intervision genannt, entwickelte sich in den 1980er Jahren als eigenständige Methode, bei der die Gruppe ohne externen Berater arbeitet.
Im Gegensatz zur Supervision, die von einem externen oder internen Supervisor geleitet wird, basiert die kollegiale Beratung auf der strukturierten Selbstorganisation der Teilnehmenden.
Die Methode kann vielfältig genutzt werden, z. B. zur Führungskräfteentwicklung, zur Lösung von Teamkonflikten, zur Entscheidungsfindung, zum Wissensaustausch und zur Begleitung von Veränderungsprozessen.
In Anlehnung an Schmid, Veith und Weidner nutzen wir die kollegiale Fallberatung in den Fritz Führungskreisen als zentralen Schlüssel, um eine Lernkultur zu schaffen, in der sich die Teilnehmenden gegenseitig ihr Wissen zur Verfügung stellen.

Fritz Führungskreise bietet mir die Möglichkeit, zeiteffizient neue Impulse und Perspektiven für Führungsaufgaben im eigenen Unternehmen zu bekommen. Speziell der kollegiale Austausch zwischen ähnlich gelagerten Organisationen hilft, potentielle „Betriebsblindheit“ zu vermeiden.
Rollen in der kollegialen Beratung
Bei der kollegialen Fallberatung werden drei Rollen unterschieden: Fallgeber, kollegiale Berater und Moderator. Folgende Punkte sind in der jeweiligen Rolle zu beachten:
Fallgeber
- Echtes Interesse an einer Lösung.
- Offenheit, über persönliche Schwierigkeiten zu sprechen.
- Inhalts- und Beziehungsebene des Anliegens werden berücksichtigt.
- Erhält Anregungen durch Hypothesen und Vorschläge der Kollegen.
- Die bisherige Sicht der Situation wird infrage gestellt.
Kollegiale Berater
- Respektvolle Haltung mit ehrlichem Interesse.
- Auf die Sichtweise des Fallgebers einstellen und akzeptieren.
- Eindrücke und Wahrnehmungen werden offen und ehrlich gespiegelt.
- Ideen liefern und nicht zu schnell die Eindrücke bewerten oder verwerfen.
- Eigenes Vorgehen nicht als Lösung oder Erfolgsrezept präsentieren.
Moderator
- Achtet darauf, dass die verschiedenen Arbeitsphasen in ihrer Abfolge eingehalten werden und moderiert die Übergänge.
- Achtet auf das Einhalten des zeitlichen Rahmens.
- Achtet darauf, dass sich alle Teilnehmenden gemäß ihrer Rolle beteiligen, beim Thema bleiben und in ihrer Kommunikation den grundsätzlichen Regeln folgen.
Download: Handout_Kollegiale Beratung Rollen_20250314 [PDF]
So läuft eine kollegiale Beratung ab
| 0. Rollen- und Zeitvereinbarung Fallgeber (A), Kollegiale Berater (B) und Moderator (M) werden ausgewählt. Die Dauer der Beratung wird festgelegt. | 5 min |
| 1. Vorstellung des Anliegens oder Problems A stellt Anliegen oder Problem möglichst konkret dar und formuliert eine zentrale Fragestellung im Sinne einer Ist-Soll-Abweichung. B hören zu und machen sich Notizen. | 5 min |
| 2. Befragung von A durch B Das Ziel der Beratung und die wesentlichen Perspektiven des Anliegens werden geklärt. Wie sehen die Modelle bzw. Landkarten des Fallgebers aus? Nur Verständnisfragen, keine Lösungsvorschläge! | 15 min |
| 3. Hypothesenbildung B formulieren Hypothesen zur Situation von A: Assoziationen, Bilder, Vermutungen, Zusammenhänge und Eindrücke werden gesammelt. Das Problem wird von verschiedenen Perspektiven beleuchtet. M greift ggf. zur Wahrung der Kommunikationsregeln ein. A geht aus der Runde, hört zu, macht sich Notizen. | 10 min |
| 4. Stellungnahme von A A priorisiert hilfreiche Hypothesen (z. B. „Dies ist für mich eine neue Perspektive.“ „Diese Hypothese trifft für mich das Wesentliche.“) An dieser Stelle braucht es Feedback, da sich die Ist-Soll-Abweichung im Kopf des Fallgebers abspielt. B hören zu und nehmen die Priorisierung der Hypothesen an. | 5 min |
| 5. Gruppen-Brainstorming zu Lösungsideen B sammeln Lösungsideen zur Beseitigung der Ist-Soll-Abweichung. Entweder Soll reduzieren oder Ist anheben. Ideen werden nicht kritisiert. M greift ggf. zur Wahrung der Kommunikationsregeln ein. A geht aus Runde, hört zu, macht sich Notizen. | 10 min |
| 6. Lösungsfeedback von A A: Welche Ideen sind für meine Fragestellung hilfreich? Welche Schritte möchte ich angehen? B hören der Stellungnahme still zu. | 10 min |
| Optional: Prozessreflexion A und B legen ihr Rollen ab: Wie habe ich mich in meiner Rolle erlebt? Erkenntnisse und persönliche Anmerkungen. Einschätzungen und Anregungen für den Prozessablauf. Dank an alle Beteiligten durch M. | 5 min |
Download: Handout_Kollegiale Beratung Ablauf_20250314 [PDF]
Die Magie zwischen Problem, Hypothese und Lösung
Über viele Jahre hinweg war mir die besondere Magie zwischen Problem, Hypothese und Lösung nicht bewusst. Klaus Mücke hat mich mit seinem Buch Probleme sind Lösungen in meinem Verständnis auf eine neue Ebene gebracht.
In Anlehnung an Klaus Mücke ist jedes Problem eine Ist-Soll-Abweichung. Der Ist-Zustand kann z.B. „Im-Bett-Bleiben“ sein. Der Soll-Zustand „Aufstehen“. Spannend, die Bewertung von Ist und Soll erfolgt immer durch die Person selbst!
Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, ein Problem als eine Frage zu formulieren mit dem Personalpronomen „Ich“. Schließlich ist es zumindest am Anfang eine Ist-Soll-Abweichung, die nur im Kopf des Fallgebers besteht.
Je nachdem wie ich mir das Problem des Fallgebers erkläre, werde ich unterschiedliche Lösungen vorschlagen. Der besondere Kniff der kollegialen Beratung besteht nun darin, die Wirklichkeitserklärungen der kollegialen Berater als Hypothesen (Es könnte sein,…) transparent zu machen.

Dies ermöglicht dem Fallgeber neue Erklärungsmodelle für sein Problem zu bekommen. Mit NLP gesprochen, kann die kollegiale Beratung dem Fallgeber durch Erweiterung seines Weltmodells zusätzliche Verhaltensmöglichkeiten erschließen.
Auf Klaus Mücke zurückkommend gibt es für jedes Problem zwei Lösungsoptionen. Aufstehen (vom Ist zum Soll) oder Im-Bett-Bleiben (vom Soll zum Ist). Konkrete Ideen liefert ein (paradoxes) Brainstorming. Mehr dazu im Fritz Tipp Problemlösungsprozess strukturiert erklärt.
Der Einstieg beginnt mit einem persönlichen Gespräch
Die besondere Rolle des Moderators
Im klassischen Modell ist der Moderator ein kollegialer Berater mit Zusatzaufgaben (Regel- und Zeitwächter). Bei Fritz Führungskreisen hat der Moderator auch eine supervisorische Komponente, ohne als ausgewiesener Supervisor zu agieren.
Gerade bei komplexen Fällen führe ich als Moderator mit dem Fallgeber in Schritt 1 ein Interview im Plenum und helfe sein Anliegen zu strukturieren. Dabei versuche ich alle am Fall Beteiligten mit ihren Rollen und Funktionen auf einem Flipchart zu visualisieren.
Zur Strukturierung meiner Interviews verwende ich die Stufenleiter nach Fischer-Epe. Vereinfacht gesagt geht es darum, dem Problem immer näher zu kommen. Von der abstrakten Beschreibung des Problems, bis hin zu den Gefühlen des Fallgebers.

- Worum geht es ganz allgemein?
- Wer ist in welcher Rolle beteiligt (Chef, Kollegen, Mitarbeiter)?
- Wer macht in welcher Rolle was?
- Wenn ich X befragen würde, wie würde er die Situation beschreiben?
- Was hast du bisher unternommen, um das Problem zu lösen?
- Was würdest du tun, wenn du ganz allein eine Entscheidung herbeiführen könntest?
- Wenn über Nacht ein Wunder geschehen würde, wie wäre die Situation dann?
- In welche Stimmung gerätst du, wenn du darüber sprichst?
Weitere systemische Fragen findest du im Fritz Tipp Systemische Fragen als Führungsinstrument.
Herausforderungen und Lösungen in der kollegialen Beratung
In der Praxis der kollegialen Fallberatung können verschiedene Herausforderungen auftreten, für die man gute Lösungen braucht. Hier ein kompakter Überblick:
| Herausforderung | Lösung |
|---|---|
| Dominante Persönlichkeit im Team | Der Moderator sorgt für Ausgewogenheit im Team, z.B. durch gezieltes Ansprechen der „Ruhigen“. |
| Fehlende Verbindlichkeit | Vereinbarung der nächsten Schritte und Nachverfolgung der Maßnahmen beim nächsten Treffen. |
| Oberflächliche Problembetrachtung. | Durch gezieltes Nachfragen tiefer in die Analyse gehen. Siehe dazu die Stufenleiter nach Fischer-Epe. |
| Hierarchische Hürden | Kollegiale Beratung ist ein Instrument für Kollegen auf gleicher Ebene. Alles andere ist verdammt schwierig. |
Best Practices für erfolgreiche kollegiale Beratung
Die kollegiale Fallberatung ist für mich ein zentrales Element in Fritz Führungskreisen. Dieses Element funktioniert besonders gut, wenn es in eine übergeordnete Struktur eingebettet ist. Dazu dient mir seit vielen Jahren die Heldenreise nach Joseph Campbell als Meta-Struktur für gelungene Workshops:
- Paradies: Gestaltungselemente wie ein schöner Raum, die passende Beleuchtung, die richtige Anzahl an Stühlen oder ein Firmenrundgang können dazu beitragen für die Teilnehmenden ein kleines Paradies zu schaffen. Auch das gegenseitige Berichten von guten Erfahrungen (Appreciative Inquiry) helfen zum Einstieg.
- Katalysator: Da Workshops nicht nur Wohlfühlprogramme sind, braucht es einen gemeinsamen Rahmen in dem sich die Gruppe bewegt. Die persönliche Betroffenheit durch den Fall eines Teilnehmenden ist der perfekte Startpunkt für die gemeinsame Heldenreise.
- Beistand: Als Beistand bietet sich ein erfahrener Gast an, der sich unterschiedlich einbringen kann (Impulsgeber, Inspirator, Experte, Ideenlieferant). Aber auch Teilnehmende können ihre Erfahrungen im Sinne von Good Practices einbringen. Die dahinterliegende Botschaft ist klar, du bist nicht allein auf deiner Reise.
- Prüfungen: In dieser Phase stellt sich die Frage, wie sich die Gruppe bei ihren Prüfungen gegenseitig helfen kann. Hier bietet sich die kollegiale Fallberatung an, aber auch Aufstellungen, Rollenspiele, Gruppenarbeiten, usw. Der eigenen Fantasie sind an dieser Stelle keine Grenzen gesetzt.
- Zuspitzung: Entscheidung kommt von Scheiden. Entweder der Held geht in die eine oder andere Richtung, beides gleichzeitig geht nicht. Hier kann der Fallgeber darum gebeten werden sich zu entscheiden und seine Gedanken mit der Gruppe zu teilen. Für welchen Weg hast du dich entschieden? Wie geht es nun weiter?
- Ankommen: Die klassische Feedbackrunde verkommt oft zu einer Modeschau mit der Frage, wie hat es dir gefallen. Spannender ist doch die Frage: Was hat sich bei dir verändert? Was ist dazu gekommen? Wie schaust du nun auf das Problem? Wie sieht dein neues, inneres Selbst aus?
Natürlich macht es keinen Sinn in jedem Workshop zwanghaft die 6 Schritte der Heldenreise abzugehen. Dennoch bietet dieses archetypische Muster eine gute Orientierung für den Moderator eines Workshops.
Unterschiede zwischen kollegialer Fallberatung und Supervision
Die beiden Hauptunterschiede zwischen kollegialer Beratung und Supervision liegen zum einen in der Rolle des Moderators, zum anderen in der Zielsetzung des Beratungsprozesses.
Intervision findet ausschließlich unter Kollegen auf gleicher Ebene statt, ohne externe Berater und zielt auf die Förderung von Eigenverantwortung und die Nutzung vorhandener Teamkompetenzen ab.
Supervision wird von einem externen Supervisor geleitet und fokussiert sich stärker auf die Professionalisierung der Arbeit und die Verbesserung beruflicher Kompetenzen unter professioneller Anleitung.
Beide Methoden haben ihre spezifischen Vorteile, wobei die kollegiale Beratung stärker auf die Selbstorganisation und den Austausch unter Gleichgestellten setzt, während die Supervision eine professionelle externe Perspektive einbringt.
Unterschiede zwischen kollegialer Beratung und Coaching
Die Hauptunterschiede zwischen kollegialer Beratung und Coaching liegen in Rollen, Ablauf und Zielsetzung der Maßnahmen.
Intervision findet unter Gleichgestellten statt, folgt einem festgelegten Ablauf und fokussiert sich auf fallbezogene Fragestellungen im beruflichen Kontext.
Coaching wird von einem professionellen Coach durchgeführt, ist flexibler im Ablauf und zielt auf eine persönliche und berufliche Entwicklung ab.
Beide Methoden haben ihre spezifischen Vorteile, wobei die kollegiale Fallberatung stärker auf den Austausch unter Gleichgestellten setzt, während Coaching eine individuellere Einzelbegleitung durch einen Coach bietet.
Fazit: Warum sich kollegiale Beratung lohnt
Nach Karl Popper ist der Mensch in seiner Erkenntnisfähigkeit durch seine Wahrnehmung stark begrenzt – du kannst dir nicht sicher sein, dass du richtig liegst. Deshalb macht es Sinn, die eigenen Annahmen immer wieder der Kritik durch erfahrene Kollegen zu stellen. Die richtige Methode hierfür ist die kollegiale Beratung.
Durch den Austausch verschiedener Blickwinkel entstehen kreative und fundierte Lösungsansätze, die über individuelle Denkgrenzen hinausgehen. Dadurch wird ein reichhaltiger Lernprozess in Gang gesetzt, der die eigene Problemlösungskompetenz und Reflexionsfähigkeit stärkt.

Dr. Patrick Fritz
FAQ zur kollegialen Beratung
Kollegiale Beratung ist ein strukturiertes Verfahren, bei dem Führungskräfte sich gegenseitig bei der Lösung beruflicher Herausforderungen unterstützen. Sie basiert auf dem Austausch unter Gleichgestellten ohne externe Moderation.
Aufdeckung blinder Flecken in der Führungsarbeit. Neue Perspektiven durch verschiedene Sichtweisen. Systematische Entwicklung von Lösungsstrategien. Förderung einer offenen Lernkultur. Stärkung der Selbstverantwortung
Fallgeber: Bringt eine konkrete Fragestellung ein und reflektiert die Rückmeldungen.
Kollegiale Berater: Geben respektvolle Rückmeldungen, stellen Fragen und entwickeln Hypothesen.
Moderator: Achtet auf die Struktur, die Einhaltung der Regeln und die Zeit.
Rollen- und Zeitvereinbarung (5 min)
Vorstellung des Anliegens durch den Fallgeber (5 min)
Befragung durch die Berater zur Klärung (15 min)
Hypothesenbildung durch die Berater (10 min)
Rückmeldung des Fallgebers zu den Hypothesen (5 min)
Brainstorming zu Lösungsideen (10 min)
Lösungsfeedback durch den Fallgeber (10 min)
Hypothesen helfen, neue Sichtweisen auf ein Problem zu entwickeln. Sie bieten alternative Erklärungsmodelle und erweitern die Handlungsoptionen des Fallgebers.
Kollegiale Beratung: Selbstorganisierter Austausch ohne externe Moderation. Fokus auf Eigenverantwortung und Teamkompetenzen.
Supervision: Externe Leitung durch einen Supervisor mit professionellem Fokus auf Arbeitsprozesse und Kompetenzen.
Kollegiale Beratung: Austausch unter Gleichgestellten mit strukturiertem Ablauf zur fallbezogenen Problemlösung.
Coaching: Individuelle Begleitung durch einen Coach mit flexiblem Ablauf und Fokus auf persönliche Entwicklung.
Sie ermöglicht eine systematische Reflexion, fördert neue Perspektiven und verbessert die Qualität der Entscheidungsfindung. Zudem stärkt sie das gegenseitige Vertrauen und die Entwicklung einer offenen Feedback-Kultur.