Attraktiver Arbeitgeber: Ein alternatives Denkmodell

gepostet am 6. Februar 2024
aktualisiert am 17. Juni 2024

Was ein attraktiver Arbeitgeber heute mitbringen muss, hat uns Matthias Jost, ehemaliger HR-Direktor bei Alcatel und Unilever, im Führungskreis IT vorgestellt. Dabei fordert er nicht weniger als ein neues Denkmodell. Das Produkt Arbeitgeber muss neu gedacht werden, ein wenig Schminke (Employer Branding) reicht nicht mehr aus.

Inhalt

Ausgangslage am Arbeitsmarkt

Kurzfassung: Wir befinden uns in einem Arbeitnehmermarkt! Das ist keine Propaganda, sondern einfachste Statistik. Mit der Bevölkerungspyramide Österreich 1952-2100 stellt die Statistik Austria ein wunderbares Tool zur Verfügung, das geradezu zum Erkunden einlädt. Im Alter zwischen 20-64 Jahren haben wir heute in Österreich 5.566.043 (61%) Personen zur Verfügung:

Attraktiver Arbeitgeber: Bevölkerungspyramide Österreich 2024. Quelle: Statistik Austria.
Bevölkerungspyramide Österreich 2024. Quelle: Statistik Austria.

Um nicht unter die Wahrsager zu gehen, gehe ich nur 10 Jahre in die Zukunft. Bereits heute kennen wir die aktuellen Bevölkerungszahlen für die Altersgruppen von 10, 20, 30, 40, 50 und 60 Jahren in Österreich. Voilà, wir landen im Jahr 2034, wo wir feststellen: Wir haben nur noch 5.321.042 (56%) Personen zwischen 20-64 Jahren zur Verfügung. Die Boomer sind in den Ruhestand gegangen und es gibt zu wenig junge Menschen, die nachkommen:

Attraktiver Arbeitgeber: Bevölkerungspyramide Österreich 2034. Quelle: Statistik Austria.
Bevölkerungspyramide Österreich 2034. Quelle: Statistik Austria.

Das Zwischenfazit von Jost für attraktive Arbeitgeber ist herzlich unaufgeregt. Jeder Mitarbeitende ist wertvoll: die ehemaligen, die aktuellen und die potenziell zukünftigen. Die ehemaligen Mitarbeiter sprechen hoffentlich gut über mich. Die aktuellen Mitarbeiter wünschen sich bei mir zu bleiben. Die zukünftigen Mitarbeiter wollen gerne zur mir kommen.

Das heutige Denkmodell: Die Arbeitgeberperspektive

Bewerberkarteien, Assessment-Center, Persönlichkeitstests – kein Wunder, dass in den Köpfen vieler die Arbeitgeberperspektive vorherrscht. Wir geben dir Arbeit. Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung sind vorbestimmt. Mitbestimmung und Wahlmöglichkeiten sind beschränkt. Wir versuchen, alle Mitarbeitenden möglichst gleich zu behandeln.

Die Folge dieser Gleichmacherei ist eine Vielzahl von Regelungen, neudeutsch Policies: Home Office, 4 Tage Woche, kompetitives Gehaltspaket, Talent Management, Karriereplanung, Weiterbildungskurse. Wenn du zu mir als attraktiver Arbeitgeber passt, manage ich für dich dein Leben als Arbeitsnehmer. Dafür bekommst du Gehalt Plus.

„Der Führungskreis IT ist ein tolles Format, der Umgang äußerst offen und kollegial – etwas Besonderes. Die regelmäßigen Treffen mit sehr guten Impulsvorträgen zu den Fallbeispielen sind ein willkommener Blick über den Tellerrand. Dabei kommt der persönliche Austausch untereinander nie zu kurz und es bietet sich die Möglichkeit für eine branchenfremde Sichtweise des Themas. “

Sebastian Häckl
Leiter IT
Rhomberg Bau GmbH

Ein alternatives Denkmodell: Das Partnermodell

Jost lädt mit dem Partnermodell zum Perspektivenwechsel ein. Lieber Arbeitnehmer, was sind deine Stärken? Welche Aufgaben machen dir Spaß? Was möchtest du noch lernen? Wie und wohin möchtest du dich arbeitsmäßig entwickeln? Auf Augenhöhe stellen wir uns als Unternehmen vor. Deshalb sind wir hier. Diese Ziele wollen wir erreichen.

Auf dieser Basis gilt es eine individuelle Vereinbarung der Regeln zwischen Mitarbeiter und Unternehmen zu treffen. Wollen wir diese Ziele gemeinsam mit dem gesamten Team erreichen? Wie organisieren wir uns gemeinsam? Welche Verantwortung und welche Aufgaben kannst und willst du übernehmen? Wie möchtest du dein Arbeitsumfeld gestalten: Arbeitszeit, Arbeitsort, Gehaltsstruktur?

Attraktiver Arbeitgeber: Beispiel AXA

So ein Blödsinn! Kann da jetzt jeder machen, was er will? Natürlich nicht, es gibt nach wie vor Regeln. Aber wir treffen innerhalb eines definierten Rahmens Vereinbarungen zu den Regeln auf Augenhöhe. Ein aktuelles Beispiel ist die AXA Versicherung. Bei Axa gibt es keine Job-Titel mehr. Das bringe mehr Entscheidungsfreiheit, sagt die Axa-Personalchefin Daniela Fischer.

Benefits waren bei AXA, wie bei den meisten anderen Unternehmen auch, an den Job-Titel gebunden. Vice President, Direktor, Teamleiter. Nun gibt es 13 Verantwortungsstufen, mit dem Ziel Verantwortung auf mehr Schultern zu verteilen. Entscheidungen können nicht mehr nach oben delegiert werden. Das kann die Arbeitgeberattraktivität gerade für jüngere Mitarbeiter steigern.

Attraktiver Arbeitgeber: Beispiel Schichtarbeit

Ein häufiger Zankapfel in Produktionsunternehmen ist das leidige Thema Schichtarbeit. Hierzu hat Experte Jost ein schönes Beispiel von einem Industriebetrieb mit übervollen Auftragsbüchern mitgebracht. Aufgrund des Schichtsystems mussten alle Mitarbeitenden an zwei Wochenenden pro Monat arbeiten. Resultat: Sehr hohe Krankheitsrate am Wochenende!

Im Sinne des Partnermodells liegt der Lösungsansatz klar auf der Hand: Es geht darum, den Mitarbeitern Wahlmöglichkeiten zu bieten. Wochenendarbeit wird einerseits freiwillig angeboten. Andererseits erhalten Mitarbeiter, die Wochenendschichten übernehmen, eine verkürzte Arbeitswoche von drei Tagen. Ihre Schichten dauern zwei Stunden länger, jedoch bei vollem Gehalt. Das Ergebnis: Die Besetzung der Wochenendschichten ist konstant hoch und die Mitarbeiterzufriedenheit hat signifikant zugenommen.

Wolfgang Pfister

„Der Führungskreis B2B-Marketing ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Personen aus unterschiedlichen Branchen aufgrund von ähnlichen Herausforderungen im Alltag voneinander lernen können. Neben dem fachlichen Austausch, der um interessante Vorträge aus der Praxis ergänzt wird, schätze ich vor allem die Offenheit, mit der sich alle Teilnehmer:innen begegnen. Ich bin schon viele Jahre aktiv mit dabei und immer noch begeistert von den vielfältigen Themen und dem inspirierenden Austausch. “

Wolfgang Pfister
Head of Strategic Marketing & Communications
Liebherr-Werk Nenzing GmbH

Arbeitgeberattraktivität steigern

Ein attraktiver Arbeitgeber braucht individuelle und flexible Lösungen. Das hört sich gut an, scheitert in der Praxis aber allzu oft an starker Führung. Wenn ich Mitarbeitende in einem definierten Rahmen unterschiedlich behandle, muss ich hinstehen und klar Stellung beziehen. Führung statt Gleichheit, Denkhaltungen statt Richtlinien. Einige Ansatzpunkte sind:

Fazit: Attraktiver Arbeitgeber

Wer ein attraktiver Arbeitgeber sein möchte, muss beim Produkt Arbeitgeber ansetzen und nicht beim Marketing (Employer Branding). Das Produkt kann verbessert werden, indem mehr Mitbestimmung ermöglicht wird. Dabei gibt es zahlreiche Möglichkeiten: Gehaltskomponenten wählen (fix-variabel/ Geld-Freizeit), Arbeitszeitmodelle zur Auswahl stellen, Individuelle und feste Entwicklungsbudgets für alle.

Dr. Patrick Fritz

Dr. Patrick Fritz

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