Konsultativer Einzelentscheid

Konsultativer Einzelentscheid. Jeder von uns trifft jeden Tag zahlreiche Entscheidungen. Interessant ist, dass wir den Prozess der Entscheidung in den wenigsten Fällen wirklich bewusst steuern. Es erscheint mir ein wenig wie atmen. Wir können darüber nachdenken bewusst zu atmen, aber in den meisten Fällen funktioniert es auch ohne.

Entscheidungspyramide

Ähnliche erlebe ich es bei Entscheidungen in Unternehmen. Sobald eine Entscheidung ansteht, die mehrere Abteilungen oder Bereiche betrifft, wird die Entscheidung automatisch, ohne nachdenken, an die nächsthöhere Ebene delegiert. Dort erfolgt eine Abstimmung zwischen den Abteilungsleitern. Im schlimmsten Fall geht die Entscheidung wieder eine Ebene nach oben und damit immer weiter weg vom Ort des Geschehens. Diese Kaskade geschieht beinahe unbemerkt, außer dass sich der Prozess in die Länge zieht. Dadurch landen systembedingt viel zu viele Entscheidungen auf dem Tisch der Führungskräfte. Die Folge: Zeitverlust, Abwehr, Ineffizienz!

FRITZ Entscheidungspyramide

Ohne allzu sehr ins Philosophieren zu kommen, bin ich mir sicher, dass diese Zeiten dem Ende entgegengehen müssen. Führungskräfte verbringen einen Großteil ihrer Zeit in Meetings, bei denen es darum geht, zu entscheiden – je nach Führungsstil. Da sie aber zu weit weg sind vom eigentlichen Problem, kann die Entscheidung nur suboptimal sein. Doch welche Alternativen gibt es zum klassischen “Chef sagt an”?

Abstimmen – Die Mehrheit siegt

Spontan fühle ich mich an die Schweiz erinnert. Wenn wichtige Entscheidungen anstehen, können alle Wahlberechtigten abstimmen. Die Mehrheit siegt, die Minderheit verliert. Ein solides Verfahren, aber in der Unternehmenspraxis sinnvoll? Ich glaube NEIN! Zum einen würde bei jeder Entscheidung, ein Wahlkampf entstehen. Zum anderen gibt es bei Mehrheitswahlen immer Gewinner und Verlierer. Da man alle mit im Boot haben will, haben die Verlierer aber immer die Ausrede: “Ich habe doch gesagt es funktioniert nicht”.

Konsens – Wir treffen uns in der Mitte

Jetzt fühle ich mich spontan an Österreich erinnert. Nicht umsonst gibt es bei Wikipedia einen Eintrag zur “Österreichischen Lösung“. Darunter ist die vermeintliche Lösung eines Problems bezeichnet, die meistens in einem Kompromiss besteht, der alle Beteiligten zufrieden stellen soll, oft aber das Gegenteil bewirkt. Ein Konsens kann in der Unternehmenspraxis sinnvoll sein, aber nur wenn eine Sache nicht wichtig ist. Soll es in der Kantine Fleisch oder Vegetarisch geben? Wir nehmen beides oder wechseln ab! Bei wichtigen Richtungsentscheidungen ist Konsens nicht das Mittel der Wahl.

Konsultativer Einzelentscheid

Über Bücher von Frederic Laloux und Niels Pfläging bin ich auf das Vorgehen “Konsultativer Einzelentscheid” gestoßen. Konsultation bezeichnet das Einholen von anderen Meinungen und Ratschlägen vor wichtigen Entscheidungen, wie z.B. bei Ärzten vor wichtigen oder schwierigen Eingriffen üblich. D.h. eine Person entscheidet alleine, ist aber zu Konsultation verpflichtet. Das Vorgehen sieht wie folgt aus:

FRITZ Konsultativer Einzelentscheid

  1. Wähle Entscheider: Der Entscheider sollte möglichst nahe am Problem sein, die Betroffenheit entsprechend groß. In den meisten Fällen wird es derjenige sein, der im alten Modus die Entscheidung an die nächste Ebene eskaliert hat.
  2. Auswahl Konsultationspartner: Hier sollten neben den am besten geeigneten internen und externen Experten, vor allem Kollegen ausgewählt werden, die von den Folgen der Entscheidung direkt betroffen sind.
  3. Konsultative Dialoge: Im Kern geht es hierbei um Wissens- und Erfahrungsaustausch. Was hat der jeweilige Kollege in ähnlichen Situationen gemacht, oder welche Optionen würde er empfehlen. Ziel ist lernen von- und miteinander.
  4. Auswahl Lösung: Der Entscheider übernimmt nun als Einzelperson die volle Verantwortung und entscheidet im Sinne des Unternehmens, unter Berücksichtigung der besten Ideen und Ratschläge der konsultierten Kollegen.
  5. Feedback geben: Die Gruppe für die entschieden wurde, gibt dem Entscheider Feedback. Falls es schiefgeht, stehen trotzdem alle hinter der Entscheidung, vor dem Hintergrund das der Entscheider sein Bestes getan hat.

Update: Integrative Entscheidungsfindung

Ein Leser dieses Artikels hat mich auf den Prozess der integrativen Entscheidungsfindung bei Holacracy aufmerksam gemacht. Soweit ich informiert bin geht der Prozess auf das Kosent-Prinzip zurück, im Gegensatz zum oben bereits dargestellten Konsens. Dabei geht es nicht um Zustimmung durch österreichischen Interessensausgleich, sondern darum einen Vorschlag nicht abzulehnen. Wenn Teilnehmer kein tragfähiges und nachvollziehbares Argument gegen einen Vorschlag haben, gilt dieser als angenommen. Es geht also nicht um die beste Lösung, sondern lediglich um eine passende Lösung. Wie soll das aber in der Praxis funktionieren?

  1. Vorschlag präsentieren: Der Vorschlagende präsentiert seinen Vorschlag in der Runde, zur Lösung eines Problems.
  2. Verständnisfragen stellen: Anschließend können die Teilnehmer Verständnisfragen stellen, um den Vorschlag auch wirklich zu verstehen.
  3. Reaktionen einholen: Im nächsten Schritt wird jeder Teilnehmer der Reihe nach um seine persönliche Reaktion auf den Vorschlag gebeten.
  4. Vorschlag nachbessern: Basierend auf den Rückmeldungen aus der Runde hat der Vorschlagenden nun die Gelegenheit seinen Vorschlag klarzustellen oder ggf. nachzubessern.
  5. Einwände vorbringen: Nun werden alle Teilnehmer der Reihe nach befragt, ob sie einen tragfähigen und nachvollziehbaren Einwand haben den Vorschlag nicht umzusetzen (“Do you see any reasons why adopting this proposal would cause harm or move us backwards“). Kommen keine Einwände, gilt der Vorschlag als angenommen. Kommen Einwände, geht es zu Schritt 6.
  6. Einwände integrieren: In offener Diskussion wird nun Einwand für Einwand besprochen. Wie muss der Vorschlag verbessert werden, um den Einwand aus der Welt zu schaffen, zumindest fürs Erste. Mit dem verbesserten Vorschlag geht es nochmals zu zurück zu Schritt 5 “Einwände integrieren”. Wenn keine Einwände mehr kommen, ist der Vorschlag angenommen.

Konsultativer Einzelentscheid vs integrative Entscheidungsfindung

Der Prozess der integrativen Entscheidungsfindung nach dem Konsent-Prinzip und der konsultative Einzelentscheid schließen einander aus meiner Sicht auf keinen Fall aus. Zunächst kann versucht werden in der Gruppe eine Entscheidung zu treffen. Sollte das nicht funktionieren bzw. die Einwände nicht entkräftet werden, kann von der Gruppe ein Einzelentscheider eingesetzt werden. In zahlreichen Workshops habe ich dieses Vorgehen als äußerst produktiv und zielführend wahrgenommen.

Fazit – Konsultativer Einzelentscheid

Konsultativer Einzelentscheid erinnert mich stark an “Kollegiale Beratung” die ich sehr gerne in Führungskreisen mit Sparringspartnern einsetze. Bei zahlreichen Gelegenheiten habe ich erlebt, dass die Beratung oder Konsultation durch Kollegen auf Augenhöhe, zu besseren Entscheidungen führt. Die finale Entscheidung muss immer bei der Einzelperson bleiben, sonst landen wir wieder beim Mehrheitsentscheid. Konsultativer Einzelentscheid ist die Methode für mündige Mitarbeiter, die Verantwortung für das Unternehmen übernehmen wollen und Führungskräfte, die dazu aus Überzeugung ermuntern.

 

Patrick FRITZ
Dr. Patrick Fritz

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