Konstruktivismus einfach erklärt

gepostet am 19. Juli 2022
aktualisiert am 7. Juni 2024

Der Weltbestseller Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari basiert auf der These, dass jede großangelegte menschliche Unternehmung fest in gemeinsamen Geschichten verwurzelt ist, die nur in den Köpfen der Menschen existieren. Die Fähigkeit sich eine Wirklichkeit vorzustellen und sich an die Regeln der erdachten Welt zu halten, nennt sich Konstruktivismus. In diesem Fritz Tipp gilt das Motto, Konstruktivismus einfach erklärt.

Inhalt

Was ist Konstruktivismus?

Konstruktivismus Definition

Konstruktivismus ist eine Erkenntnistheorie, die davon ausgeht, dass ein erkannter Gegenstand vom Betrachter selbst durch den Vorgang des Erkennens konstruiert wird (Wirklichkeitskonstruktion).

Quelle: In Anlehnung an Wikipedia, Spektrum und Wirtschaftslexikon 2023.

Dadurch nimmt jeder Mensch die Welt anders wahr, da das Unbewusste Dinge hervorhebt oder sogar neu in das Sichtfeld einfügt, die ihm als wichtig erscheinen. Was sich zunächst nach einer Binsenweisheit anfühlt, ist für Harari eine zentrale Fähigkeit des Menschen.

Konstruktivismus in der Geschichte nach Harari

Für Harari ist eine konstruktivistische Weltsicht der Schlüssel, warum Menschen die Welt beherrschen, und begründet dies wie folgt:

Die Frage, wie Menschen zu ihrem Wissen über die Welt kommen, kann auf unterschiedlichen Wegen beantwortet werden. Karl Popper (1902-1994) als Leitfigur des kritischen Rationalismus, würde hier wohl anders antworten.

Harari bezieht eindeutig Position. Google, Aktien und Dollars sind Dinge, die nur in Geschichten existieren, die wir Menschen erfunden habe und einander erzählen. Hier zum Nachsehen in seinem TED-Talk:

Konstruktivismus in der Psychologie nach Watzlawick

Ernst von Glasersfeld (1917-2010) und Heinz von Foerster (1911-2002) sind einen Schritt weiter als Harari gegangen. Die beiden Begründer des radikalen Konstruktivismus, bestreiten die Existenz einer objektiven Realität und betonen die individuelle Konstruktion der Wirklichkeit.

Der Konstruktivismus hingegen erkennt die Existenz einer externen Realität an, betont jedoch die subjektive Natur der Wahrnehmung und Interpretation dieser Realität. Diese radikale Form der konstruktivistischen Weltsicht hat starken Einfluss auf Psychologie und Psychotherapie.

Einer der bedeutendsten Vertreter dieser speziellen konstruktivistischen Denkhaltung ist der Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick (1921-2007). Watzlawick betrachtete den radikalen Konstruktivismus in Bezug auf menschliche Kommunikation. Ein Hörvergnügen mit vielen praktischen Beispielen ist sein Vortrag – Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Konstruktivismus: Vortrag von Paul Watzlawick – Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Beispiele nach Watzlawick

Die für mich wichtigsten Konstruktivismus Beispiele, die Watzlawick in seinem Vortrag erzählt, fasse ich für euch im Schnelldurchlauf zusammen:

Wer Watzlawick zuhört erkennt den hohen Wert des radikalen Konstruktivismus für Psychologie und Psychotherapie. Wenn der Begriff der Wahrheit durch Zweckdienlichkeit oder Gangbarkeit (Viabilität) ersetzt wird, ergeben sich in der Behandlung neue Möglichkeiten. Getreu dem Leitsatz, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.

Wenn Wirklichkeitskonstruktionen zur Erklärung der Welt für Menschen nicht mehr nützlich sind, ergeben sich Probleme. Nach Watzlawick setzt Psychotherapie genau da an, wo die Wirklichkeit zusammenbricht. Wenn Therapie erfolgreich ist, hat sie dem Klienten durch Veränderung seiner Wirklichkeitskonstruktionen zusätzliche Verhaltensmöglichkeiten erschlossen.

Jörg Gamon

„Ich freue mich jedes Mal auf den Führungskreis Qualitätsmanagement, da einerseits neue Themen behandelt werden, andererseits aber auch alte und bekannte Themen aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und mit neuen Elementen verknüpft werden. Da die Themen immer einen Praxisbezug und einen konkreten Anlassfall haben, profitiert nicht nur der Fallgeber sondern auch gesamte Teilnehmerkreis. Daneben ist der Führungskreis immer eine Auflockerung des Arbeitsalltages und dient darüber hinaus zum Erfahrungsaustausch und zum Netzwerken. Was den Führungskreis spannend macht, ist die Tatsache, dass das Ergebnis des Workshops durchaus ein ganz anderes werden kann als erwartet. “

Jörg Gamon
Quality Manager Plant Fussach and WACH Quality Assurance
Alpla Werke Alwin Lehner GmbH & Co KG

Konstruktivismus in der Philosophie nach James

Hermann Lotze (1817-1881), Philosophieprofessor an der Universität Berlin, kann als Vordenker des Konstruktivismus gesehen werden: „Wir können die Welt wissenschaftlich oder ästhetisch wahrnehmen, religiös, ökonomisch oder politisch. Doch nirgendwo winkt zum Lohn eine universale Weisheit.“

William James (1842-1910) ist einer der populärsten US-amerikanischen Philosophen. Für ihn sind Bewusstsein und „ICH“ keine Gegenstände, sondern Prozesse. Alles befindet sich im Fluss, einem Bewusstseinsstrom (stream of consciousness). So antwortet James auf Nietzsches Frage, ist Erleben Erdichten, mit einem knappen, natürlich, was sonst?

Nietzsche und James über Konstruktivismus. Quelle: Wikipedia/ Wiki Commons, Gemeinfrei.
Nietzsche und James über Konstruktivismus. Quelle: Wikipedia/ Wiki Commons, Gemeinfrei.

Emotionen sind ebenfalls Teil des Bewusstseinsstroms. Angst ist nicht die Reaktion auf die Gefahr, sondern die Interpretation unserer körperlichen Signale. Jeder konstruiert sich eben die Realität, die er ertragen kann, so Löffler.

Nach Precht ist James Emotionstheorie bahnbrechend und führt auf direktem Weg in den Konstruktivismus des 20. Jahrhunderts. Korzybski musste nicht viel machen, um zu erkennen, unser Bewusstsein entwirft eine Landkarte der Welt.

Konstruktivismus in der Beratung nach Simon

Fritz B. Simon, der studierte Mediziner und Soziologe, ist einer der Pioniere in systemischer Therapie und Beratung. Von Christina Grubendorfer wurde er im LEA-Podcast befragt: Welchen Unterschied macht der Konstruktivismus für die Gestaltung von Organisationen?

Welchen Unterschied macht der Konstruktivismus für die Gestaltung von Organisationen?

Die für mich wichtigsten Antworten von Fritz B. Simon fasse ich für euch im Schnelldurchlauf zusammen:

In der Beratung soll durch Wiedereinführung von Kommunikation ins Getriebe neue Optionen geschaffen und ausgewählt werden, so Altmeister Looss. Dies gelingt durch Einfügen brauchbarer Unterschiede in die Landkarten des Klienten, um neue Verhaltensmöglichkeiten zu erschließen. Ich erklär mir die Dinge ein Stück weit anders, um besser damit zurecht zu kommen und anders zu handeln.

Konstruktivismus in der Pädagogik nach Montesori

Nach Galileo Galilei (1564-1642), kann man einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken. Auf die Pädagogik übersetzt, bedeutet konstruktivistisch, dass Wissen nicht übertragen werden kann, sondern von jedem Menschen neu konstruiert wird. Lernen ist kein passives Speichern, sondern ein aktives Konstruieren von Wissen.

Wer diese Gedanken ernst nimmt, sieht den Lehrer nicht mehr als Wissensvermittler (geht ja gar nicht), sondern als Unterstützter des Lernprozesses beim Schüler. Nicht umsonst ist der Lehrberuf für Precht ein Begabungsberuf, bei dem das Wie der Vermittlung von zentraler Bedeutung ist. Nach Montessori (1870-1952) müssen wir davon wegkommen Kinder „belehren zu wollen“, sondern sie zu „Baumeister ihrer Selbst“ zu befähigen.

Konstruktivistische Lerntheorie hat sich aber nicht nur in der Schule ihren Platz erkämpft. Auch in Unternehmen wird klassisches Wissensmanagement zunehmend bezweifelt. Wissen kann nicht konserviert und weitergegeben werden, wie eine Ware. Wissen ist ein Prozess der individuellen Aneignung von Informationen und entsteht bei der Arbeit an praxisnahen Problemstellungen.

Weitergedacht zeigt sich hier auch der große Mehrwert von Erfahrungsaustausch, z.B. in Führungskreisen. Menschen können durch den Austausch miteinander ihre subjektiven Wirklichkeiten erweitern oder verändern. Dies geschieht, wenn sie gemeinsam interagieren und ihre individuellen Konstruktionen teilen.

Patricia Marte

„Der Führungskreis für High Potentials gibt mir die Möglichkeit, mich auf persönlicher und professioneller Ebene weiterzuentwickeln. Durch den idealen Mix aus theoretischem Input und praktischen Übungen bin ich so darauf vorbereitet, zukünftig noch mehr Verantwortung in meinem beruflichen Umfeld zu übernehmen. “

Patricia Marte
Marketing Communications Manager & Coach
OMICRON electronics GmbH

Bedeutung für die Führung

Aus den bisher dargestellten Perspektiven aus Psychologie, Philosophie, Beratung und Pädagogik ergibt sich folgende Bedeutung einer konstruktivistischen Weltsicht für die Führung von Menschen:

  1. Suche keine Schuldigen: Führungskräfte sollten sich bewusst sein, Menschen haben unterschiedliche Sichtweisen und Interpretationen. Gemäß dem 3. Axiom der Kommunikation liegt die Schuld immer im Auge des Betrachters.
  2. Erzähle Geschichten: Führungskräfte sollten in der Lage sein, gemeinsame Geschichten (Vision, Ziele, Werte) zu vermitteln, um Zusammenarbeit und Engagement der Mitarbeiter zu fördern. Die Heldenreise nach Joseph Campbell ist ein guter Start.
  3. Mach dir ein Bild: Führungskräfte sollten für verschiedene Perspektiven offen sein, um ein umfassenderes Verständnis der Situation zu erlangen. Gerade bei komplexen Problemen kann man nur Leitplanken setzen, mit Hypothesen arbeiten und Experimente zulassen.
  4. Schaffe Erlebnisse: Führungskräfte können Veränderungen fördern, indem sie den Mitarbeitern helfen, ihre Wirklichkeitskonstruktionen zu überdenken. Wie Bandler und Grinder analysierten, macht es wenig Sinn die Welt zu verändern, sondern die Erlebnisse der Menschen.
  5. Tausch dich aus: Führungskräfte sollten sowohl den Austausch und die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern fördern, um ein gemeinsames Verständnis und neue Perspektiven zu entwickeln. Als auch Formate suchen, in denen sie sich auf Augenhöhe austauschen können.

Fazit

Der Konstruktivismus stellt eine objektive Welt nicht in Frage, nur unsere Möglichkeiten als Menschen diese zu erkennen. Vor diesem Hintergrund können wir uns nur auf gemeinsame Verfahrensweisen einigen, die unterschiedliche Beobachter zu denselben Ergebnissen führen.

Wie Psychologie, Philosophie und Pädagogik zeigen, ist es in der Arbeit mit Menschen ratsam auf unverrückbare Wahrheiten zu verzichten. Jeder hat seine Landkarten von der Welt, die aber auch weiterentwickelt werden können.

Und hier liegt der Clou an der Sache. Wenn wir diese Grundhaltung berücksichtigen, werden wir ungeheuer tolerant, weil es jeder auch ein wenig anders sehen kann. Gleichzeitig können wir einen verantwortlichen Beitrag dazu zu leisten, die Dinge ein wenig genauer zu erkennen. Das ist Fortschritt!

Dr. Patrick Fritz

Dr. Patrick Fritz

FAQ

Was ist Konstruktivismus?

Konstruktivismus ist eine Erkenntnistheorie, die davon ausgeht, dass ein erkannter Gegenstand vom Betrachter selbst durch den Vorgang des Erkennens konstruiert wird.

Wer sind wichtige Vertreter des Konstruktivismus?

Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster, Paul Watzlawick und Fritz B. Simon sind bedeutende Vertreter des Konstruktivismus in verschiedenen Fachbereichen.

Wie beeinflusst der Konstruktivismus die Psychologie?

Der Konstruktivismus in der Psychologie betont, dass die Wirklichkeit von jedem Individuum konstruiert wird und dass unser Wissen von unserem Erleben abhängt.

Wie beeinflusst der Konstruktivismus die Psychotherapie?

In der Psychotherapie kann der Konstruktivismus dazu genutzt werden, die Wirklichkeitskonstruktionen von Klienten zu verändern und ihnen neue Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Welche Bedeutung hat der Konstruktivismus in der Philosophie?

In der Philosophie besagt der Konstruktivismus, dass verschiedene Menschen die Welt auf unterschiedliche Weise wahrnehmen und dass es keine universale Weisheit gibt.

Wie beeinflusst der Konstruktivismus die Pädagogik?

In der Pädagogik bedeutet Konstruktivismus, dass Wissen nicht einfach übertragen werden kann, sondern dass jeder Mensch sein Wissen aktiv konstruiert.

Welche Bedeutung hat der Konstruktivismus für die Arbeit mit Menschen?

Der Konstruktivismus lehrt uns, dass es keine absoluten Wahrheiten gibt und dass jeder Mensch seine eigene Landkarte der Welt hat.

Was ist der Fortschritt im Konstruktivismus?

Im Konstruktivismus wird Fortschritt als die Fähigkeit betrachtet, neue und verbesserte Wirklichkeitskonstruktionen zu entwickeln.

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