Industrie 4.0 – Eine kritische Bestandsaufnahme

Nach einem Workshop zum Thema Industrie 4.0 möchte ich euch meine Erkenntnisse in Form von vier Thesen weiter geben:

1. Es gibt keine 4. industrielle Revolution.

In zahlreichen Schaubildern wird die Entwicklung von Industrie 1.0 (mechanischer Webstuhl 1784) über Industrie 2.0 (Fließband 1870) bis hin zu Industrie 3.0 (speicherprogrammierbare Steuerung 1969) dargestellt. Der Schritt zu Industrie 4.0 sollen Cyber-Physische-Systeme sein. Also Hardware mit Software. Ich glaube nicht an eine vierte industrielle Revolution. Wenn überhaupt sind wir mitten in Industrie 3.0. Durch Einsatz von Elektronik und IT sollen Produktionsprozesse automatisiert bzw. digitalisiert werden. Man könnte auch vom Informations- und Kommunikations-Technik-Kondratjew sprechen. Warum spricht dennoch alles von Industrie 4.0?

2. Die Technologie für Industrie 3.0 ist reif.

Der Gedanke Maschinen miteinander zu vernetzen ist bereits relativ alt. Die Automatisierungspyramide (SPS-SCADA-MES-ERP) gibt es z.B. seit den 80er Jahren. Diese Idee in der Realität umzusetzen war aufgrund der Reife diverser Technologien relativ schwer. Heute verfügen wir über ausreichend Bandbreite, WLAN, IPv6, OPC UA, Cloud. Alles Technologien und Standards die erst seit wenigen Jahren verfügbar sind. Deshalb vermute ich das wir erst heute die notwendigen Mittel haben, um den Weg von Industrie 3.0 konsequent fertig zu gehen. Aus diesem Grund fühlen sich Diskussionen über Industrie 4.0 häufig nach „altem Wein in neuen Schläuchen“ an.

3. Weil es ein Technologie-Push ist, fehlen die Anwendungsfelder.

Viele Industrie 4.0 Prediger müssen sich die Frage gefallen lassen, was den der Unterschied zu BDE/MIS/MES sein soll. An dieser Stelle kommen wenige Argumente:

  • Echtzeitverfügbarkeit von Produktionsdaten
  • Einheitliche Schnittstellen
  • Bessere Usability

Aber was ist der wirkliche Nutzen? Ich behaupte, heute gibt es keinen wirklichen Nutzen gegenüber einem gut funktionierendem BDE/MIS/MES. Was mich zu meiner letzten These führt.

4. In den nächsten 5 Jahren könnte sich einiges tun.

Wie der Gartner Hype Cycle schön aufzeigt, sind diverse Technologien am reifen, die Phantasie in die Sache bringen könnten: Machine Learning, Cognitive Expert Advisors und Smart Robots. Wenn nämlich alle Produktionsanlagen vernetzt sind und wir durch diese Technologien eine gewisse Intelligenz aufbauen können, wäre folgender Schritt gut denkbar. Nämlich das sich Produktionsanlagen selbst planen, steuern, warten und ggf. reparieren auf Basis der eingelasteten Kundenaufträge.

FRITZ Industrie 4.0

Fazit – Industrie 4.0

Keine Panik, es ist noch nicht allzu viel passiert. Die Kosten der Automatisierung bzw. Digitalisierung sind nach wie vor hoch. Nur über große Stückzahlen lassen sich diese Kosten amortisieren. Nach wie vor kann der Produktionsmitarbeiter Schwankungen in der Nachfrage besser ausgleichen: Leiharbeiter, flexible Arbeitszeitkonten, usw. Dennoch sollte man die Augen offen lassen. In den nächsten fünf Jahren könnte sich einiges bewegen. Ich bin gespannt auf eure Kritik!

Patrick FRITZ
Dr. Patrick Fritz

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