Agil oder plangetrieben?

Die Frage ob ein Projekt agil oder plangetrieben geführt werden soll erscheint mir häufig eine beinahe religiöse Frage zu sein – LEIDER! Barry Boehm von der University of Southern California und Richard Turner von der George Washington University haben sich dieser Frage angenommen und versuchen mehr Sachlichkeit in die Diskussion zu bringen. In ihrem Artikel „Using Risk to Balance Agile and Plan-Driven Methods“ schlagen sie ein Modell vor, um zu testen, wie sehr sich ein Unternehmen für eine agile Vorgehensweise eignet. Dabei werden fünf Dimensionen berücksichtigt:

FRITZ Agil oder plangetrieben

1. Personal

Boehm und Turner verwenden zur Einschätzung der Entwicklerskills die Skala nach Cockburn. Sehr vereinfacht gesagt: Level 1 = Junior; Level 3 = Senior. Für eine agile Vorgehensweise sollten min. 30 Prozent der Entwickler auf Level 2 oder besser noch Level 3 sein. D.h., agile Vorgehensweisen brauchen qualifizierte Mitarbeiter.

2. Dynamik

Agile Entwicklung macht erst Sinn, wenn sich min. 30% der definierten Anforderungen pro Monat ändern. Wenn der Wert kleiner als 30% ist, macht eine plangetriebene Methode mehr Sinn. Wenn also die Anforderungen bekannt sind und die Änderungsrate recht gering ist, wäre z.B. SCRUM mehr Overhead als Silver Bullet.

3. Kultur

Die Dimension Kultur erscheint mir als Einzige sehr „schwammig“. Wie gut kann dein Unternehmen bzw. deine Mitarbeiter mit Chaos umgehen? Ich kann mir darunter wenig Konkretes vorstellen, vermute jedoch damit die Erfahrung der Mitarbeiter mit wechselnden Bedingungen.

4. Teamgröße

Je größer das Team desto eher sollte eine plangetriebene Vorgehensweiße gewählt werden. Die agile Welt hat hierfür recht wenige Ideen, um Teams zu skalieren. Stabile Umsetzungen von SCRUM of SCRUM kenne ich bisher nicht. Darüber hinaus fehlen althergebrachte Koordinationsmechanismen wie Programm- und Portfoliomanagement.

5. Kritikalität

Wie kritisch ist das zu entwickelnde System? Handelt es sich um eine Anwendung für den Zahlungsverkehr in Banken oder ist es ein Webshop? Gemäß Böhm ist bei sehr kritischen Systemen (= lebensgefährliches Risiko) ein plangetriebenes Vorgehen, bei Risiken nur bezüglich des „Komforts“ ein agiles Vorgehen angezeigt.

Fazit – agil oder plangetrieben?

Marcus Raitner hat mit seiner Feststellung recht, „Die entscheidende Frage lautet also nicht, agil oder klassisch, sondern vielmehr, wie agil das Projekt, Produkt oder „die IT“ insgesamt sein soll, darf oder muss.“ Ja, dieser Aussage stimme ich zu – möchte Sie aber noch ergänzen. Es stellt sich nicht nur die Frage wie agil darf es sein, sondern auch die Frage wie agil können wir überhaupt – falls gefordert.

Patrick FRITZ

Dr. Patrick Fritz

P.S. Vielen Dank an Hans-Peter  Korn für den Tipp!

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